Ich würde mit dem Klaren anfangen

klarer

Das Zentrum für Kunst und Parken. Bevor es das wurde, war es das Parkwärterhäuschen, Aufenthalts- und Arbeitsort des Parkwärters. Als wir das diese phänomenale Kleinarchitektur im Herbst 2010 übernahmen, stand es schon einige Jahre leer. Die Leitungen waren gekappt, Strom und Wasser abgestellt. Ansonsten war die Einrichtung intakt. Der Parkwärter hatte es verlassen, als könnte er jeden Moment wiederkommen, oder als hätte man ihn von heute auf morgen versetzt oder nach Haus geschickt. Neben einem riesigen Schlüsselkonvolut, der Parkwärterjacke, Parkwärterschuhen, Schlangen von unbedruckten, leicht gewellt gelblichen Ausfahrtsscheinen, einem vollen Kühlschrank, einer 2 Liter Beaujolaisflasche voll mit Pfennigstücken fanden wir eine ungeöffnete Flasche Klaren im Schrank. Steht auch drauf: Klarer. Durch den klaren Schnaps hindurch kann man die Stockflecken auf der Ettikettrückseite gut erkennen, die von den langen Jahre Warten im Schrank und dem feuchten Klima erzählen. Wir haben dann mit dem Klaren angefangen, immer wenn vor Publikum vom Kunstverein die Rede war, mal in München, in Kassel. Ein kleiner Rest ist noch übrig.

Fotos von Glas
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Wir sitzen im Bistro Banane und sprechen. Es ist Januar und kalt und das Jahr geht los und ich bin letzte Woche um halb zwei Uhr nachts Mitglied des Neuen Saarbrücker Kunstvereins geworden. Es ist das erste mal, dass ich einem Planungsgespräch einer Kunstinstitution beiwohne. Es wird viel gesprochen. Endlose Listen mit Vorschlägen und Künstlern, die man gerne einladen würde. Woher kommt das Geld, hat jemand leere Räume gesehen, warum kennt man eigentlich keine Makler? Ich spreche wenig und höre viel zu. Alle haben Ideen. Es wäre gut, im Januar noch eine Veranstaltung zu machen. Kennt jemand… Ja aber das braucht mehr Vorlauf. Da braucht man einen großen Raum. Das ist zu teuer. Ich kenne jemanden aus Karlsruhe, sage ich. Mit dem hab ich mal in einer Band gespielt. Der macht so Fotokram und seit kurzem macht er was mit Fotos, bei denen Leute versuchen auf Ebay Glasplatten zu verkaufen und die fotografieren und man sieht natürlich nichts. Und Jan ist total super, und wir sprechen viel, und der weiss irgendwie auch oft nicht so genau, ob das Sinn macht, wie alle das so machen. Diese Kunst.
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«Hey Jan, hast du Lust in Saarbrücken auszustellen? Im Neuen Saarbrücker Kunstverein? Das wär quasi eine Einzelaustellung.»
«Oh wow.»
«Der Raum ist halt so ein bisschen speziell und ziemlich klein.»
«Wie klein denn?»
«So vier Quadratmeter.»
«Oh.»
«Und es gibt keine Wände.»
«…»
«Aber da könnte man auch was einbauen einfach. Das ist ja vielleicht auch ganz gut. Dann hat man so einen Miniminiwhitecube mit blauem Noppenboden.»
«Kann ich dich morgen mal zurückrufen?»
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Eine Woche später steigt Jan mit einem selbstgebastelten Karton-Koffer am Bahnhof in Saarbrücken aus. Darin befinden sich fünf Fotos von Glas und sein Handyladegerät. Wir essen noch eine Kleinigkeit und gehen dann vier Gipskartonplatten je 2000 x 600 x 12,5 mm kaufen.

Logo Story
Während wir Anfang 2010 dabei waren, den Kunstverein zu gründen, war ich in Stuttgart. Als ich ein Plakat der Städtischen Pfandleihanstalt in der U-Bahn gesehen hab war ich ziemlich begeistert, vom Logo.
Das sah so aus:
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Schuld war meine damalige Konkret-Begeisterung und ich fand es super, dass man einen Kreis gegen ein Viereck tauscht, oder diesen Tausch zumindest anbietet, in Erwägung zieht.Wann ich drauf gekommen bin, dass der Kreis Geld und das Quadrat ein Gegenstand symbolisiert, weiss ich nicht mehr, aber da sind Jahre vergangen.
Jedenfalls haben wir dann bei der Pfandleihanstalt angerufen und gefragt, ob sie uns das Logo als Dauerleihgabe geben würde. Ob wir es mitnutzen dürften. Wir würden auch die Seiten vertauschen. Die Verhandlungen gingen ewig, mit unbeantworteten Briefen, Telefonaten, etc.
Irgendwann haben sie überraschend ja gesagt.
Und mit der Hilfe von Daniel Binger wurde dann das Kunstvereinslogo draus.
Das sieht so aus:
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Als wir im Sommer 2013 ein paar Sachen für München vorbereitet haben, sind wir nochmal auf die Internetseite der Städtischen Pfandleihanstalt Stuttgart.
Und siehe da. Re-design.
Vielleicht sind sie durcheinander gekommen, oder sie fanden unsere Richtung des Tauschens viel besser.
Jedenfalls sieht ihr Logo jetzt so aus:
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Letzte Woche kam die Sms einer Freundin: Sag mal, was hat der Kunstverein mit der Pfandleihanstalt zu tun?

Die Brotzeitbrettchen / Lavendel und Land Art (1)
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Im Februar 2013 geht der Kunstverein in Klausur. Während wir eine Woche in Südfrankreich verbringen, haben wir weltweit zur inneren Einkehr aufgefordert, dazu, über Begriffe wie Holzfeuer und Haselnussstrauch, Lavendel und Land Art nach zu denken. Zum Beispiel Dienstag bis Freitag, 18 bis 19 Uhr.

Im März soll eine Ausstellung genannt Aunt Etna in einem Schaufenster in Zürich genannt Die Diele stattfinden. Wir sind auf der Suche nach einer vierten Position. Konzept, zeitgenössische Kleinplastik und Fussnoten haben wir schon. Südfrankreich ist die Gegend traditioneller Olivenholzschnitzerei. Kunsthandwerkliche Gebrauchsgegenstände aus Olivenholz sind allgemein beliebt, sie bringen das mediterrane Flair, nach dem man sich so häufig sehnt, in Küche und Haushalt. Savoir vivre. Auch wir mögen das Olivenholz und seine Maserung. Die zwei Brotzeitbrettchen von Herminette Outil bestechen durch ihre amorph fliessenden Formen und durch ihre Zweisamkeit.

In der Münchner Oktoberfestkantine sind die beiden Exponate später im Jahr zwei Stunden lang als echte Brotzeitbrettchen in Gebrauch, während wir kurz mal falsche Oktoberfest-Bauarbeiter in der Pause sind. Savoir vivre.

Der Koffer / Lavendel und Land Art (2)
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In der einwöchigen Klausur in Südfrankreich, in der wir weltweit dazu aufgefordert hatten, über Begriffe wie Holzfeuer und Haselnussstrauch, Lavendel und Land Art nachzudenken, begegnen wir der Künstlerin Herminette Outil. Die gelernte Drechslerin lädt uns in ihr Atelier. Wir treffen sie, um Exponate für ein Schaufenster in Zürich auszusuchen. Einen Tag vorher hätte ein Kabelbrand Herminettes Atelier fast in Flammen aufgehen lassen. Der Steinboden verhinderte das Schlimmste. So muss die Künstlerin nur einen Koffer samt Inhalt verschmerzen. Wir erhalten dadurch ein unerwartetes Exponat.
Es ist ein unerwartet passendes Exponat.
Die Ausstellung im Zürcher Schaufenster dreht sich thematisch um sowas wie: Zeichnung die sich selbst zeichnet, Zeichen freilegen, Form finden, Form geben, der Linie folgen.

Die Jahresgabe / Der Ausstieg
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Von der Jahresgabe 2012 kann man nicht reden, ohne über Samuel zu reden.

Samuel Seger ist ein Künstler aus Kiel. Also war er, und jetzt ist er in Wien. Mich selbst betreffend hab ich schon länger über eine seltsame Verkettung von Buchstabenkombinationen meiner bisherigen Wohnorte nachgedacht. Wien und Kiel ist natürlich auch sowas. Aber das tut hier nichts zur Sache. Samuel war im Juli 2011 in Saarbrücken. Wir haben ihn eingeladen. Es gab, bevor er kam, Erzählungen von einer Videoarbeit, die auf zwei Monitoren läuft, mit geometrischen 3DFormen, und Samuel taucht mal auf dem einen und mal auf dem anderen Monitor auf. Als würde zwischen den geometrischen Körpern eine geheime Verbindung verlaufen, und Samuel könnte da so durch tauchen, durch das Video. Die Arbeit von ihm hatte jemand gesehen.
Erst hinterher finde ich, dass das durchaus eine Verbindung hat zu dem, was er dann im Zentrum für Kunst und Parken gemacht hat. "Es ist ein schwieriger Trick, ich muss dafür sehr flexibel sein", zitierte ihn die Zeitung. Fünf Tage war Samuel da. Fünf Tage im Häuschen. Sein Ziel: Er wollte die Tür nur ein einziges mal benutzen. Als die Besucher zur Eröffnung kamen, war er nicht mehr drin. Es gibt ziemlich viele Fotos von dieser Eröffnung und die ganze Zeit schleichen Leute um das Häuschen rum, und suchen an seltsamen Stellen nach der Öffnung, nach der Lücke, durch die der Künstler rauskommen konnte. Die Tür ist von innen verbarrikadiert, alles was innen war, ist gestapelt und demontiert und aufgehäuft, Bretter und Schubladen und Schranktüren, der Kühlschrank, allerhand Schrott. Am Ende des Abends einigt sich das Publikum auf ein apfelgrosses Loch in der Fassade, eine Art Kabeldurchbruch, als einzigen Ausweg. Ein Jahr lang bleibt es ein rätselhafter Trick. Dann lüftet sich das Geheimnis: Wenn man genau hinsieht, kann man auf dem Siebdruck mit Signatur im Scheckkartenformat erkennen, wie der Künstler das Zentrum seitlich durch das aufgeschobene Schiebefenster verlässt.

Holy Moly Grail
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Scherben. Ein Kunstwerk. Und jetzt? Da ist was kaputt gegangen. Was ist übrig? Material. Ein Übergangsstadium. Eine traurige Geschichte. Zeugnis einer doppelten Fehleinschätzung. Ich bin versucht, in 1000 Richtungen abzuschweifen und auszuschwärmen, beim Stichwort: Scherben. Kunst restaurieren. Das führt zurück an die Anfänge, zur allerersten Veranstaltung der Kunstvereins, zur Frage: Ist der Restaurator der bessere Künstler? und zu einer prima Reihe: Behandeln und Verwahren von Kunst.
Aber ich bleib bei den Scherben.
Die erste und bisher einzige internationale Gruppenausstellung findet 2011 im Zentrum für Kunst und Parken statt. Sie vereint ca. 14 Positionen auf ca. 4 qm. Frederic und Peter haben eine Ebene eingezogen, was das ganze Zentrum zu einer einzigen grossen Vitrine macht. Und in der Vitrine: Keramik. Alle machen jetzt in Keramik, so hat die Kuratorin Sabine Maria Schmidt in einem Vortrag aktuelle Tendenzen der Kunst zusammengefasst. So heisst auch die Ausstellung. Und um die These zu stützen, sind wirklich Künstler aus aller Welt dabei: Auch Ginger Lukas aus den USA. Sie hat drei Holy Grails geschickt. Exquisite Stücke. Von drei  überleben nur zwei die Reise inmitten von zerknäultem Haushalts- und Zeitungspapier. Eine tragische Geschichte. Natürlich hat der Kunstverein weder die Finanzen für einen Kunsttransport noch für eine Versicherung, sondern setzt auf die Einschätzung der Künstler. Irgendwie hat Ginger die Strapazen einer Überseereise aber falsch eingeschätzt. Die Scherben sind in Besitz des Kunstvereins übergegangen, eine Schenkung, und irgendwann machen wir diese Fehleinschätzung wett: Dann kommt sie, die Veranstaltung, das Grand Finale der Reihe Behandeln und Verwahren von Kunst: Eine Live-Restaurierung des Holy Grails. Eine Show so packend wie die Operation am offenen Schweineherzen.

Souvenirfotos an der Reling
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2013 ist der Kunstverein eingeladen, vom Saarland, von Kurator Andreas Bayer, zur Landeskunstausstellung beizutragen: SUPERSAARART 2013. Super. Jetzt können und sollen wir mal offiziell mitmachen, und weil wir ja keinen eigenen Raum haben, dürfen wir rein: in die Institution. Ins Saarlandmuseum. Irgendwie wollen wir aber gar nicht, drücken uns rum, verhandeln, dass wir einen Platz so nah wie möglich an der Eingangstür kriegen. Bloss nicht in den richtigen, echten,  regulierten Ausstellungsbereich rutschen. Lieber in die ungünstigen klimatischen Verhältnisse, wo es zieht, die Luftfeuchtigkeit schwankt, wo vielleicht mal jemand etwas anrempelt. Hier, direkt neben Ein- und Ausgang, befindet jetzt unser Empfangszimmer. Hier liegt eine Liste und hier kann man sich eintragen, wenn man was unserem eigentlichen Beitrag haben will – im Kuratorenjargon liebevoll Farbtupfer genannt – der ausserhalb stattfindet. Auf dem Ausflugsschiff River Lady. Vom Empfangszimmer aus kann man durch den nahen Eingang die Institution verlassen, an die Saar spazieren, und an zwei Tagen sich zu den Abfahrtszeiten an der Uferpromenade einfinden und zwei mal fünf Stunden Ausflugsfahrt auf der Saar gratis abgreifen. Supersaarart, Supersaarbrücken, super Industriehafen Dillingen und zurück. Mit dabei: Ein Stück Blechkuchen. Eine Tasse Kaffee. Und drei geladene Gäste, die mit uns und miteinander und mit dem Publikum Gespräche führen: Gespräche an der Reling. Worüber? Warum wir uns nahe bei der Tür am wohlsten fühlen. Wie seltsam dieser Sog ist, die Zugluft, die Freuden ausserhalb der Institution. Wo jetzt hier die Kunst ist. Über Selbstkritik und Erfahrungswerte. Über die Ränder der Kunst. Und über Kunst.

Kunst beim Fahren
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# Als ich nach Saarbrücken gezogen bin und zum allerersten mal einen Flyer vom Kunstverein in die Hand bekam, war ich etwas ratlos. Zentrum für Kunst und Parken hinter dem Toto-Haus stand da als Veranstaltungsort. Google Maps konnte da wenig mit anfangen, der Webseite vom Kunstverein liess sich immerhin noch Ecke Gutenbergstraße/ Neugeländstraße entlocken und so bin ich irgendwie mit dem Flyer in der Hand los marschiert und dachte, das wird man schon finden, auch ohne Hausnummer. Dass es die dann einfach nicht gabt, weil es sich weniger um ein Haus denn ein Häuschen (folglich höchstens potentieller Träger eines Hausnümmerchens) handelte, konnte ich ja noch nicht wissen. Zentrum für Kunst und Parken klingt erst beim zweiten Hören so abstrus wie es eigentlich wirklich ist. An Zentrum für Kunst und Medien findet ja auch keiner viel falsch.

Auf jeden Fall bespielt der Kunstverein dieses ehemalige Parkwärter Häuschen auf einem echten immer noch benutzbaren Parkplatz und dann wurde ich irgendwie auch Mitglied und alle sprachen immer wieder mal von einem Wettbewerb, den man machen könnte, wo Leute um dieses Häuschen fahren und dabei irgendwie Kunst machen, weil das halt super ist, dass man da so eine 270° Rundumsicht hat, da könnte dann die Jury drin sitzen und begutachten wie super das ist, dass man so ein- und ausfahren kann in den Parkplatz, an der Schranke vorbei und dann ist das wie Bühne, so markierter Raum – Zeit wie Ort – an und in dem irgendwas passieren muss. Und zu dem Zeitpunkt hatte ich keine echte Vorstellung davon, wie man überhaupt so Veranstaltungen aufzieht, klar man lädt so einen Künstler ein und der macht dann Kunst und man selber kauft Getränke und muss viele von denen trinken können und nett sein, aber einen Wettbewerb auszuschreiben, ist ja schon schwieriger irgendwie. Aber man kommt auf so einiges: Wie gut es wäre, zum Beispiel, wenn man einen Stuntman in der Jury hätte. Wie man das manchmal passiert, in so Gruppensituationen, wenn alle von einer Idee so angefixt sind, man stellt sich zwar vor, was da passieren könnte, wie so eine Setzung vielleicht einwirkt, was die produziert, nahe legt (irgendwie waren wir uns alle total sicher, jemand würde einfach ein Bild aus dem Fenster halten). Aber eigentlich hab ich nie geglaubt, dass das mal passiert. Weil die andere Idee auch war, eine Residency im Häuschen auszuschreiben und es war nur Geld für eins von beidem da, und die Residency schien so viel unkomplizierter und wahrscheinlicher und aber aus irgendwelchen Gründen waren alle so begeistert von dieser Idee, dass man dann im Häuschen sitzt und auch ganz viele Leute kennen lernt, die extra anreisen, weil man ja 1000 € gewinnen konnte, und weil die Setzung auch wirklich schräg genug ist, dass so Leute mit wirklich seltsamen und super Positionen das auch gut finden und mitmachen und all sowas. Und dann war es erstmal natürlich das Irrste, okay Jan kennt tatsächlich einen Stuntman. Und jetzt? Paul Virilio! Wir fragen Paul Virilio an. Oh man, das können wir nicht machen, was ist wenn der wirklich kommt? Nein das ist natürlich völlig absurd, der ist viel zu alt, aber das wär schon genug, wenn im Konzept Jury: Paul Virilio (angefragt) steht. Kann jemand französisch? Ja klar, Frederic kann französisch, owowowowowow, wir fragen Paul Virilio an. Das haben wir tatsächlich gemacht. Ich hab ungefähr 17 mal am Tag Dromologie [Als Dromologie (zu altgr. dromos (Rennbahn) und logos (Wissenschaft), „Logik des Laufs“) bezeichnet man eine 1977 von Paul Virilio in Geschwindigkeit und Politik begründete transhistorische und transpolitische Forschungs- und Sichtweise zur Untersuchung gesellschaftlicher Verhältnisse unter spezieller Berücksichtigung von deren Verhältnis zur Geschwindigkeit. Als Hilfswissenschaften werden Technikgeschichte, Mediengeschichte, Militärwissenschaft, Urbanistik, Physik und Metaphysik genutzt.] gegoogelt um auch ja nichts falsches zu schreiben. Dann hat  Merve wirklich die Adresse rausgerückt in Frankreich und wir haben ihn per Post angefragt. Und er hat sich nie gemeldet. Aber das war ja auch klar. Aber es wäre schon auch wild gewesen, nein vielleicht besser so, der ist wirklich schon sehr alt und wohl auch echt schwierig und dann wäre es nur noch um Paul Virilio gegangen, aber ganz kurz hab ich mir das vorgestellt, wie er irgendwo in Frankreich sitzt, den Brief liest und findet: Das ist aber seltsam. Ich schlepp doch nicht für dieses lausige Honorar meinen alten Leib nach Saarbrücken. Aber irgendwie ja auch lustig, mich zu so etwas einzuladen. Diese jungen Leute. Warum denn eigentlich nicht? Vielleicht kann ich auf dem Rückweg bei Peter in Karlsruhe vorbei schauen. Den hab ich auch nicht mehr gesehen, seit diesem Symposium, das war ja auch ein bisschen aufgeblasen, aber warum denn eigentlich nicht, nein, das ist eigentlich schon interessant auch, so metaphorisch, was die da machen. Kunst beim Fahren. Guter Titel…
Aber nein. Paul Virilio hat sich nie gemeldet. Tobias Rehberger auch nicht, dafür sein Assistent: Herr Rehberger kann leider nicht. Mmmhh. Manche waren eh dagegen. Irgendwie auch so ein bisschen platt den zu fragen. Aber wenn er mit dem Maserati angefahren wäre, das wäre schon wild gewesen. Irgendwer hat gehört, dass er damit eiskalt auch zu Eröffnungen wie: Was tun – Kunst & Ökologie anfährt. Ein anderer hat gehört, dass jemand gehört hat, dass der Maserati eh in der Werkstatt steht. Okay muss ja kein Autokünstler sein. Dafür gibt es ja den Stuntman und den Medienbeauftragen von Daimler. Die kennen sich wahrscheinlich eh besser aus damit. Komm wir fragen Pablo Wendel, der ist eh in der Stadt bald (das ist so absurd, niemand ist einfach so mal in der Stadt bald in Saarbrücken) und total nett und ein guter Künstler. Top.
Und dann gehen die Ausschreibungen raus, und es fahren an: 6 Künstler. Hmm. Wir hatten mit mehr Andrang gerechnet. Ist die Idee gar nicht so charmant wie wir dachten? Ist das zu heikel, für die nicht garantierte Möglichkeit auf 1000€ ein paaar hundert Kilometer anzufahren? Ist die Mail im Spam gelandet? Aber jetzt geht es um anderes. Was muss man der Jury vorher sagen? Worauf sollen die achten? Muss man denen überhaupt was sagen? Dazu sind sie doch Jury.  Wo bekommt man Absperrhütchen her? Können wir ein Stückchen Parkplatz absperren? Zuerst findet Lotto (denen der Parkplatz gehört): ja. Dann: ja – aber nicht Samstags. Irgendwie klappt das doch und man überlegt noch kurz, soll man das moderieren? Ja bitte. Mir ist echt zu heiß. Es ist August und hat 35 Grad und der Parkplatz hat kaum Schatten aber viel geteerte Fläche und am Tag darauf soll der heißeste Tag des Jahres werden und irgendwer kauft so Wassereis und das hilft ein bisschen und dann geht es los und es sind Leute aus Köln und München und Stuttgart extra angereist. Und dann passieren wirklich verrückte Sachen.

Die Abwesenheit von Strategie
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Das sind die Neuer Saarbrücker Kunstverein-Weihnachtskarten. Die erschienen im Rahmen der Lesung «Mit Strategieabwesenheit umgehen». Es war kurz vor Weihnachten und bei der Lesung sollten ausgewählte Fußnoten aus einer wirtschaftswissenschaftlichen Dissertation gelesen werden. Wobei, wie das so oft ist: irgendwie gab es das vorallem als Idee zunächst; dass es halt hübsch wäre, mal nur die Fußnoten zu lesen. Und dann überlegt man: ist man konzeptuell total streng, lässt einfach den Haupttext weg und wenn es halt mal langweilig wird [ebd.], muss man sich halt mit dem für-Charmant-halten-des-Konzepts über Wasser halten? Oder fängt man an zu editieren? Weil es ja schon auch Spaß machen soll für alle? Wir haben dann ewig viele wissenschaftliche Papers, Dissertationen, Promotionen usw. überflogen, denen immer so aufs untere Drittel der Seite gestarrt und dann zum Glück wirklich dieses über 300 Seiten starke Ding gefunden in dem es um sog.
Strategieabwesenheit geht. Das war ein super Titel, der irgendwie gut zum Kunstverein passt und direkt die erste Fußnote zitiert Napoleon und die letzte die Bibel und man musste eigentlich nur etwas kürzen, was immer noch eine Heidenarbeit war und dann gab es so wirklich verrückte Bögen von Fußnote zu Note. Was mit Sicherheit auch an unserem Leser/ Sprecher Magnus Hasso Kappler lag – ein Schauspieler aus Stuttgart – der auch mal völlig problemlos die Spannung aushielt, wenn 10 Seiten lang keine Fußnote kam um einfach stoisch weiter zu blättern und zu blättern und ins Publikum schauen und blättern und es ist immer noch still und irgendwer hustet und blättern – um endlich zu verkünden: «Implementierung können wir hier nur flüchtig behandeln.». Das war irrsinnig komisch und es wurde viel gelacht und weil es eben so die Vorweihnachtszeit war und diese Dissertation so viele, irgendwie charmant skurrile Momente hatte, standen auf den Tischen im Awo-Café neben Kerzen und Tannenzweigen auch diese Weihnachtskarten auf dem Tisch und man konnte die mitnehmen und seinen Freunden, die man selten sieht, schicken. Es gibt insgesamt sechs verschiedene Varianten, die jeweils einen aus dem Literaturverzeichnis der Dissertation ausgewählten Quellentext empfehlen. Da ist auch einfach wildes Zeug dabei. Control Your Destiny or Someone Else Will [Tichy; Stratford – Harper Business; New York 1994] hat mich schon das eine oder andere langwierige Familienfest überstehen lassen.